Australiens Aktienmarkt hat in den vergangenen zwölf Monaten einen bemerkenswerten Wechsel der Favoriten erlebt. Während Bergbau- und Goldwerte kräftig zulegten, stürzten mehrere Technologie- und Gesundheitsaktien ab. Im internationalen Vergleich blieb der ASX 200 hinter der Wall Street zurück.

Von URS WÄLTERLIN

Wer vor einem Jahr auf den australischen Leitindex S&P/ASX 200 setzte, hat heute mehr Geld als damals – aber deutlich weniger als ein Anleger, der auf den amerikanischen S&P 500 setzte. Der australische Kursindex lag Anfang August 2026 etwa vier Prozent über seinem Niveau vom Vorjahr. Unter Einbeziehung der Dividenden war die Rendite deutlich höher. Der amerikanische S&P 500 kam im selben Zeitraum auf rund 20 Prozent Kursgewinn. Der deutsche DAX lag ebenfalls über dem australischen Ergebnis, wobei sein Vergleich wegen der unterschiedlichen Indexberechnung nur eingeschränkt möglich ist.

Die Zahlen verdecken jedoch, was an der Börse tatsächlich geschah. Der australische Markt war kein einheitlicher Gewinner oder Verlierer. Er war ein Markt der großen Verschiebungen.

Bergbau übernimmt die Führung

Der Rohstoffsektor war der entscheidende Gewinner. Der Materials Index des ASX 200 stieg im Geschäftsjahr 2025/26 um rund 47 Prozent. 14 der 20 Aktien mit den höchsten Kursgewinnen im ASX 200 kamen aus dem Bergbau.

Gold, Kupfer und Lithium standen dabei im Mittelpunkt. Gold profitierte von der Nachfrage nach einem vermeintlich sicheren Anlagehafen und von geopolitischen Unsicherheiten. Kupfer wurde wegen des Ausbaus von Stromnetzen, erneuerbaren Energien und Rechenzentren zunehmend gefragt. Lithium erholte sich nach dem Preisverfall der vergangenen Jahre.

Für die großen australischen Bergbaukonzerne bedeutete das ein ausgesprochen gutes Umfeld.

BHP und Rio Tinto gehörten zu den Unternehmen, die den Markt nach oben zogen. BHP meldete für das Geschäftsjahr bis Ende Juni eine Rekordproduktion bei Eisenerz und eine starke Entwicklung im Kupfergeschäft. Rio Tinto berichtete für das erste Halbjahr 2026 von einem Anstieg des bereinigten EBITDA um 28 Prozent.

Besonders deutlich wurde die Goldrally bei Unternehmen wie Northern Star Resources und Evolution Mining. Ihre Kurse profitierten von den hohen Goldpreisen und steigenden Gewinnerwartungen.

Ein außergewöhnlicher Gewinner

Der spektakulärste Kursanstieg kam allerdings aus einer ganz anderen Ecke.

Das Medizintechnikunternehmen 4DMedical, das Software zur Analyse der Lungenfunktion entwickelt, gehörte mit einem Kursanstieg von rund 1800 Prozent im Geschäftsjahr 2025/26 zu den größten Gewinnern des ASX 200.

Für den gesamten Aktienmarkt ist der Fall dennoch kaum von vergleichbarer Bedeutung wie BHP oder Rio Tinto. 4DMedical ist wesentlich kleiner. Die Aktie kann sich vervielfachen, ohne den Leitindex wesentlich zu bewegen.

Der Fall zeigt aber, dass Australien durchaus über innovative Wachstumsunternehmen verfügt. Was dem Land fehlt, ist die schiere Zahl und Größe solcher Unternehmen, wie sie den amerikanischen Markt dominieren.

Die ehemaligen Börsenlieblinge verlieren

Die andere Seite der Entwicklung ist erheblich weniger erfreulich.

Der Logistiksoftware-Konzern WiseTech Global verlor im Geschäftsjahr 2025/26 rund 70 Prozent seines Börsenwertes. Auch der Softwareanbieter Xero geriet massiv unter Druck. Bei den Gesundheitsunternehmen CSL und Cochlear waren die Verluste ebenfalls erheblich.

Damit änderte sich auch die Wahrnehmung des australischen Marktes. Unternehmen, die zuvor wegen ihres starken Wachstums mit hohen Bewertungen gehandelt worden waren, mussten plötzlich beweisen, dass ihre Gewinne tatsächlich mit den Erwartungen Schritt halten können.

Die Entwicklung erinnert an einen grundlegenden Mechanismus der Börse: Nicht nur steigende oder fallende Gewinne bewegen Aktienkurse. Entscheidend ist auch, was Anleger zuvor bereits erwartet haben.

Ein Unternehmen kann also gute Geschäfte machen und trotzdem an der Börse verlieren, wenn die Gewinne weniger stark steigen als erwartet.

Warum Amerika davonzieht

Der Unterschied zu den USA ist struktureller Natur.

Der S&P 500 wird zunehmend von Unternehmen geprägt, die vom Boom der künstlichen Intelligenz profitieren. Nvidia, Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta investieren Milliarden in Chips, Rechenzentren und KI-Anwendungen.

Australien besitzt keine Gruppe von Technologiekonzernen mit einer vergleichbaren Größe und Börsengewichtung.

Dafür verfügt das Land über etwas anderes: BHP, Rio Tinto, Fortescue und eine große Zahl von Gold-, Lithium- und Kupferproduzenten.

Der ASX 200 spiegelt damit die Struktur der australischen Wirtschaft wider. Wenn Rohstoffpreise steigen, schlägt das unmittelbar auf die Börse durch. Wenn sie fallen, fehlt ein Technologie-Sektor von amerikanischem Gewicht, der den Rückgang auffangen könnte.

Deutschland liegt zwischen den beiden Märkten

Der DAX bietet ein anderes Bild. Deutschlands Leitindex wird stark von Industrieunternehmen, Versicherern, Banken, Chemiekonzernen und Automobilherstellern geprägt. In den vergangenen zwölf Monaten profitierte er unter anderem von höheren Rüstungsausgaben und der Neubewertung europäischer Industrieunternehmen.

Der Vergleich muss allerdings mit Vorsicht erfolgen. Der DAX ist ein Performanceindex und berücksichtigt Dividenden automatisch. Der ASX 200 und der S&P 500 werden üblicherweise als Kursindizes betrachtet. Ein Vergleich der reinen Indexstände ist deshalb nicht identisch mit einem Vergleich der tatsächlichen Anlegererträge.

Für die Größenordnung reicht er dennoch: Die Wall Street war im vergangenen Jahr der klare Gewinner. Australien und Deutschland lagen näher beieinander.

Was die australische Altersvorsorge damit zu tun hat

Für Australier ist die Entwicklung nicht nur für Aktionäre relevant. Ein großer Teil des privaten Altersvermögens steckt über die obligatorische Superannuation in Fonds, die weltweit in Aktien, Anleihen, Immobilien und Infrastruktur investieren.

Die Entwicklung des ASX 200 lässt sich daher nicht direkt mit der Entwicklung der Superannuation vergleichen. Die Fonds sind breiter aufgestellt.

AustralianSuper, der größte Superannuation-Fonds des Landes, erzielte mit seiner Balanced-Option im Geschäftsjahr bis Ende Juni 2026 eine Rendite von 9,77 Prozent; die High-Growth-Option kam auf 11,58 Prozent. Internationale Aktien entwickelten sich dabei stärker als australische Aktien.

Das ist für Sparer von Bedeutung. Wer sein Altersvermögen breit über verschiedene Märkte verteilt, ist weniger abhängig davon, ob in einem bestimmten Jahr Goldminen, Banken oder Technologiekonzerne die Börsenführer stellen.

Die Börsenbilanz auf einen Blick

Aktie/SektorEntwicklung 2025/26Treiber
ASX Materialsca. +47 %Gold, Kupfer, Rohstoffe
4DMedicalca. +1.800 %Medizintechnik, US-Zulassungen
BHPdeutlicher AnstiegKupfer, Eisenerz
Rio Tintodeutlicher AnstiegKupfer, Aluminium, Eisenerz
WiseTech Globalca. −70 %Wachstums- und Governance-Sorgen
CSLca. −52 %Gewinn- und Wachstumserwartungen
Cochlearca. −60 %Bewertung und Wachstum
Xeroknapp −60 %Übernahme- und Bewertungsfragen

Die Werte sind gerundete Größenordnungen; bei Einzelaktien beziehen sie sich auf das Geschäftsjahr 2025/26 und sind daher nicht exakt mit einer Zwölfmonatsrendite bis August 2026 gleichzusetzen.

Die Geschichte des australischen Aktienmarktes lässt sich damit in einem Satz zusammenfassen: Die Börse ist gestiegen, aber ihre Gewinner haben gewechselt.

Amerika setzte auf künstliche Intelligenz, Deutschland stärker auf Industrie und eine neue europäische Sicherheitsordnung. Australien setzte auf seine traditionellen Stärken – Gold, Kupfer, Eisenerz und andere Rohstoffe.

Das kann noch eine Weile funktionieren. Aber es macht den australischen Markt zugleich anfällig für den nächsten Wechsel des Rohstoffzyklus.

Für Anleger ist deshalb weniger entscheidend, dass der ASX 200 einen Rekordstand erreicht hat. Interessanter ist die Frage, wer diesen Rekord trägt. Die Antwort lautet derzeit vor allem: Bergbauunternehmen.

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