In Australien zeichnet sich ein fundamentaler politischer Umschwung ab. Der klare Sieg rechtspopulistischen Partei One Nation im westaustralischen Wahlkreis Secret Harbour am Samstag ist ein Warnsignal für die etablierten Parteien Australiens. Pauline Hanson, einst eine offen rassistische politische Außenseiterin, gewinnt inzwischen dort Stimmen, wo ihre Partei lange keine Chance hatte. Aus Protest wird Machtoption.
Von URS WÄLTERLIN
Das Ergebnis ist bemerkenswert, weil Secret Harbour kein natürlicher Boden für Hanson ist. Der Wahlkreis südlich von Perth wurde bislang von Labor gehalten. Nun holt One Nation nach dem vorläufigen Ergebnis rund 36 Prozent der Erststimmen und kommt bei den Zweiparteienpräferenzen auf knapp 54 Prozent. Der Umschwung gegenüber der letzten Wahl beträgt mehr als 17 Prozentpunkte.
Es ist der zweite bedeutende Erfolg der Partei im Unterhaus innerhalb weniger Monate. Bei der Nachwahl im Wahlkreis Farrer in New South Wales setzte sich im Mai One-Nation-Kandidat David Farley durch. Damit hat Hanson bewiesen, dass ihre Partei nicht mehr ausschließlich eine Protestbewegung des notorisch konservativen, ländlichen Queensland ist.
Das ist die eigentliche politische Nachricht.
Hanson war 1996 mit einer Rede berühmt geworden, in der sie vor einer Überfremdung Australiens durch Einwanderer aus Asien warnte. Ihre Karriere folgte zunächst dem klassischen Muster einer rechtspopulistischen Protestpartei: spektakulärer Aufstieg, interne Zerwürfnisse, juristische Affären, Absturz. Sie verbrachte wegen Wahlbetrugs auch einige Zeit im Gefängnis. 2003 wurde die entsprechende Verurteilung aufgehoben. Erst 2016 gelang ihr die Rückkehr ins Bundesparlament.
Drei Jahrzehnte später ist aus der politischen Überlebenskünstlerin eine etablierte Akteurin geworden. One Nation erhielt bei der Bundes 2025 6,4 Prozent der Stimmen und gewann mehrere zusätzliche Sitze im Senat. Heute verfügt die Partei über vier Senatoren und zwei Abgeordnete im Unterhaus.
Noch wichtiger ist jedoch die Veränderung ihrer Wählerschaft.
Hanson profitiert nicht nur von ideologisch überzeugten Gegnern von Einwanderung oder Klimapolitik. Ihre Partei bedient eine breitere politische Unzufriedenheit: hohe Mieten und Immobilienpreise, steigende Lebenshaltungskosten, Frustration über die öffentliche Infrastruktur und das Gefühl, dass die etablierten Parteien bei Migration und Kriminalität die Kontrolle verloren haben.
Damit berührt One Nation einen Nerv, der weit über ihre ursprüngliche politische Nische hinausreicht.
Die Umfragen liefern allerdings ein widersprüchliches Bild. Eine Erhebung von DemosAU im August sah One Nation bei 24 Prozent der Erstpräferenzen (Primärstimmen), hinter Labor mit 26 und der konservativen Koalition mit 25 Prozent. Andere Umfragen kamen auf höhere Werte. Von einer stabilen Mehrheit ist Hanson deshalb weit entfernt. Aber selbst die niedrigeren Werte wären für eine Partei ihrer Herkunft politisch außergewöhnlich.
Denn das komplizierte australische Wahlsystem belohnt Parteien nicht allein für ihre Erstpräferenzen. Entscheidend ist die Verteilung der Präferenzen, die bei der sogenannten Instant-Runoff-Wahl nach und nach übertragen werden. Genau hier kann One Nation inzwischen gefährlich werden: Sie muss einen Wahlkreis nicht mit einer Mehrheit der Erststimmen gewinnen. Es genügt, genügend Wähler davon zu überzeugen, die Partei als Alternative zu Labor oder der konservativen Koalition zu betrachten.
Für die großen Parteien entsteht damit ein Dilemma. Übernehmen sie Forderungen Hansons, riskieren sie, ihre eigene politische Mitte zu verlieren. Ignorieren sie sie, überlassen sie ihr die Themen. Besonders Labor steht vor diesem Problem. Die Partei regierte traditionell mit einer Koalition aus urbanen Mittelschichten, Arbeitern und migrantischen Wählern. Wenn Teile dieser Gruppen aus wirtschaftlicher oder kultureller Unzufriedenheit zu One Nation wechseln, wird daraus eine strategische Bedrohung.
Die Konservativen haben ihr eigenes Problem. One Nation konkurriert mit ihnen um Wähler, die sich eine härtere Migrations-, Klima- und Sicherheitspolitik wünschen. Je stärker Hanson wird, desto schwieriger wird es für die konservative Koalition, gleichzeitig die politische Mitte und ihren rechten Flügel zusammenzuhalten.
Hanson selbst hat daran wenig ändern müssen. Ihre politische Sprache ist seit 1996 erstaunlich konstant: weniger Einwanderung, weniger Multikulturalismus. Jüngst forderte sie, Australien müsse «monokulturell» werden. Widerstand gegen Klimaschutzpolitik und eine Betonung nationaler Souveränität sind andere Standbeine für ihre Rhetorik.
Neu ist nicht die Botschaft. Neu ist die Umgebung, in der sie verfängt.
Auch die Verbindung zu der erzkonservativen Bergbau-Milliardärin Gina Rinehart verweist auf diese Veränderung. Rinehart, eng mit dem dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump befreundet, unterstützt One Nation finanziell und hat der Partei unter anderem ein Flugzeug geschenkt. Für Hanson bedeutet das Ressourcen und Reichweite. Für ihre Kritiker ist es ein Beispiel dafür, wie sich wirtschaftliche Macht und populistische Politik zunehmend gegenseitig verstärken. Rinehart ist eine von mehreren wohlhabenden australischen Wirtschaftsleuten, die weite Teile der amerikanischen «Maga»-Ideologie teilen und sie in Australien verbreiten möchten.
Noch ist Australien keineswegs auf dem Weg zu einer Regierung Hanson. Dafür ist One Nation organisatorisch und parlamentarisch zu klein. Aber die alte Vorstellung, Hanson könne lediglich Protest artikulieren, ist überholt.
Secret Harbour zeigt, worum es inzwischen geht: One Nation muss nicht selbst regieren, um das politische Kräfteverhältnis zu verändern. Wenn die Partei genügend Stimmen aus Labor und der konservativen Koalition herausbricht, kann sie entscheiden, wer regiert und welche Themen die nächste Wahl bestimmen.
Pauline Hanson begann ihre politische Karriere mit der Behauptung, Australien verliere seine Kontrolle über sich selbst. Dreißig Jahre später hat sie selbst etwas Kontrolle gewonnen. Nicht über die Regierung – aber über die politische Agenda.

