Viele junge Australier haben die Hoffnung aufgegeben, sich jemals ein eigenes Haus leisten zu können. (Bild: uw)
Australien gilt vielen als Land mit hoher Lebensqualität, wirtschaftlicher Stabilität und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Doch neue Daten des australischen Statistikamts zeigen eine andere Entwicklung: Immer mehr Menschen sind mit ihrem Leben unzufrieden – und Experten sehen darin nicht nur die Folgen der anhaltenden Lebenshaltungskostenkrise, sondern auch eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Von URS WÄLTERLIN
Nach einer Analyse der Zeitung The Guardian Australia auf Grundlage der jüngsten General Social Survey des Australian Bureau of Statistics (ABS) leben inzwischen rund 2,2 Millionen Australier ab 15 Jahren unterhalb der sogenannten „Wellbeing Poverty Line“ – einer Schwelle, unter der Menschen eine besonders geringe Lebenszufriedenheit angeben.
Demnach bewerteten im Jahr 2025 9,7 Prozent der Bevölkerung ihre allgemeine Lebenszufriedenheit mit vier oder weniger Punkten auf einer Zehn-Punkte-Skala. Das entspricht etwa jedem zehnten Australier. Zehn Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei 4,8 Prozent – also nur etwa halb so hoch.
Den ersten starken Anstieg registrierten die Statistiker während der Corona-Lockdowns 2020. Anders als viele Ökonomen erwartet hatten, verbesserte sich die Stimmung nach der Pandemie jedoch nicht nachhaltig. Stattdessen belastet vor allem die seit Jahren anhaltende Teuerung viele Haushalte.
Hohe Preise treffen vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen
Besonders stark leiden einkommensschwache Familien unter den gestiegenen Kosten für Strom, Versicherungen und Gesundheitsversorgung, sagt Shane Oliver, Chefökonom des australischen Finanzdienstleisters AMP.
„Das Verbrauchervertrauen scheint dauerhaft auf einem Niveau festzustecken, das normalerweise einer Rezession entspricht“, erklärte Oliver gegenüber The Guardian Australia.
Nach Angaben des Guardian stagniert der inflationsbereinigte verfügbare Haushaltseinkommen Australiens seit Mitte 2020 praktisch. Gleichzeitig rechnen viele Analysten mit einer erneuten Pro-Kopf-Rezession – also einer Situation, in der die Wirtschaftsleistung pro Einwohner schrumpft – bei gleichzeitig schwachem Wachstum und hoher Inflation.
Oliver sieht vor allem den angespannten Immobilienmarkt als zentrales Problem.
„Ich vermute, dass der Wohnungsmarkt das mit Abstand größte Problem ist. Wenn wir dieses Thema besser lösen würden, wäre bereits ein großer Teil des Problems behoben“, sagte er dem Guardian.
Viele junge Australier hätten inzwischen die Hoffnung aufgegeben, sich jemals ein eigenes Haus leisten zu können. Gerade in den Großstädten Sydney, Melbourne oder Brisbane gehören Immobilien inzwischen zu den teuersten der Welt.
Unzufriedenheit verändert auch politische Einstellungen
Die Daten des Australian Bureau of Statistics zeigen auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen geringer Lebenszufriedenheit und dem Vertrauen in Demokratie und Gesellschaft.
Nur 15 Prozent der Menschen mit sehr geringer Lebenszufriedenheit glauben, Einfluss auf wichtige Entscheidungen in ihrer Gemeinde zu haben. Im Durchschnitt aller Australier liegt dieser Wert bei 32 Prozent, bei besonders zufriedenen Menschen sogar bei 46 Prozent.
Auch die Einstellung zur Einwanderung und kulturellen Vielfalt verändert sich. Während im Durchschnitt rund 80 Prozent der Australier kulturelle Vielfalt als Bereicherung ansehen, stimmen unter den besonders Unzufriedenen nur etwas mehr als 60 Prozent dieser Aussage zu. Die Veröffentlichung fällt in eine Zeit, in der die rechtspopulistische Politikerin Pauline Hanson und ihre Partei One Nation erneut mit Forderungen nach einer „monokulturellen Gesellschaft“ Aufmerksamkeit erregt.
Wirtschaftliche Sorgen untergraben das Vertrauen
Anthea Hancocks, Geschäftsführerin des unabhängigen Scanlon Foundation Research Institute, das seit vielen Jahren den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Australien untersucht, sieht einen engen Zusammenhang zwischen finanziellen Sorgen und sozialem Vertrauen.
„Wir wissen, dass die wirtschaftliche Situation der Menschen einen enormen Einfluss auf ihr Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit hat, weil sie ihr Selbstwertgefühl beeinflusst“, sagte Hancocks gegenüber The Guardian Australia.
Wer das Gefühl habe, niemand interessiere sich für ihn, verliere leichter das Vertrauen in Mitmenschen und staatliche Institutionen.
„Wenn man das Gefühl hat, dass sich niemand kümmert und man keine Rolle spielt, dann vertraut man anderen Menschen oder Institutionen weniger. Das führt häufig dazu, dass sich Menschen aus ihrer Gemeinschaft zurückziehen“, sagte Hancocks.
Auch soziale Medien hätten nach ihrer Einschätzung „einen enormen Einfluss“ darauf, wie Australier ihre Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen.
Gemeinschaft kann Zufriedenheit deutlich steigern
Trotz der wachsenden Unzufriedenheit sieht Hancocks den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt noch als vergleichsweise stabil an. Entscheidend sei, Menschen wieder stärker in ihre Nachbarschaften und Gemeinden einzubinden.
„Wir wissen, dass sich – unabhängig von der wirtschaftlichen Situation – das Glücksempfinden verdoppelt, wenn Menschen in einer Nachbarschaft mit starkem Zusammenhalt leben“, sagte sie dem Guardian.
Vertrauen aufzubauen, lokale Gemeinschaften zu stärken und ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl zu fördern, könne die wirtschaftlichen Probleme zwar nicht lösen. Es sei aber ein wesentlicher Baustein, damit Menschen wieder das Gefühl hätten, „dass jemand hinter ihnen steht“.

