Melanesien ist eine grosse Inselregion im Pazifik (Bild: pd)

Die größte öffentlich ausgestellte Sammlung melanesischer Kulturgüter auf der Südhalbkugel verschwindet für unbestimmte Zeit aus dem Blick der Besucher. Das South Australian Museum in Adelaide spricht von einem notwendigen Konservierungsprojekt, Kritiker vermuten hingegen finanzielle Motive. Für viele Menschen aus dem Pazifik ist die Schließung weit mehr als eine museumsfachliche Entscheidung – sie berührt Fragen von Identität, Erinnerung und kulturellem Erbe.

Von TEAM AUSTRALIEN PAZIFIK REPORTER

Mit einem Schlaflied endete eine Ausstellung, die über Jahrzehnte zu den bedeutendsten Sammlungen melanesischer Kultur außerhalb des Pazifiks gehörte. Angehörige der pazifischen Inselgemeinschaft in Adelaide versammelten sich im South Australian Museum, um rund 2.500 Objekte symbolisch „zur Ruhe zu betten“. Besonders den kunstvoll geschnitzten Krokodilfiguren galt die Zeremonie – ein Abschied, der nach Angaben des australischen Senders ABC News von traditionellen Vorstellungen begleitet wurde, wonach auch Kulturobjekte eine spirituelle Dimension besitzen.

Die Ausstellung, deren Schwerpunkt auf Papua-Neuguinea liegt, wird in den kommenden Jahren vollständig in externe Depots ausgelagert. Das Museum begründet den Schritt mit einem umfassenden Restaurierungs- und Konservierungsprogramm. Ein Termin für die Wiedereröffnung der Galerie steht allerdings nicht fest.

„Ich habe mit ihnen gesprochen und ihnen versichert, dass sie sicher sein werden“, sagte Wasodawa Mathews, die vor vier Jahrzehnten aus Papua-Neuguinea nach Australien kam, gegenüber ABC News. Während der traditionellen Melanesien-Zeremonie habe sie insbesondere darauf geachtet, „dass das Krokodil richtig zur Ruhe kommt und die Geister bei ihm bleiben“.

Gleichzeitig überwog bei ihr die Sorge über die ungewisse Zukunft der Sammlung. „Nicht zu wissen, was mit ihr geschehen wird, macht mich traurig“, sagte sie. Sollten die Krokodilfiguren künftig nicht mehr ausgestellt werden, müssten sie „an ihren rechtmäßigen Ort zurückkehren“.

Ein Fenster in die Kulturen Melanesiens

Melanesien umfasst Papua-Neuguinea, die Salomonen, Vanuatu, Fidschi sowie den französischen Überseebesitz Neukaledonien. Die Region gehört zu den kulturell vielfältigsten Gebieten der Erde. Hunderte Ethnien mit mehr als tausend Sprachen prägen ihre Gesellschaften.

Die Sammlung in Adelaide entstand überwiegend zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg. Viele Objekte gelangten in einer Epoche nach Australien, in der Papua-Neuguinea teilweise unter britischer, deutscher und später australischer Kolonialverwaltung stand. Ethnologische Sammlungen aus dieser Zeit sind heute zunehmend Gegenstand internationaler Debatten über koloniale Erwerbungspraktiken, Restitution und die Mitbestimmung indigener Gemeinschaften.

Vor diesem Hintergrund versteht das Museum das Projekt nicht lediglich als technische Restaurierung. Direktorin Samantha Hamilton kündigte an, dass Vertreter pazifischer Gemeinschaften künftig maßgeblich an der Neukonzeption der Ausstellung beteiligt werden sollen. Gemeinsam solle entschieden werden, „welche Themen sie erkunden wollen und welche Geschichten erzählt werden sollen“, sagte sie gegenüber ABC News. Erst danach würden passende Objekte aus dem Depot ausgewählt.

Organische Materialien altern

Hamilton, Materialwissenschaftlerin mit einer Promotion zur Erhaltung indigener Kulturgüter, verweist auf konservatorische Notwendigkeiten. Viele Exponate bestehen aus Holz, Pflanzenfasern, Federn oder anderen organischen Materialien.

„Es liegt in unserer Verantwortung, diese Objekte jetzt zur Ruhe zu legen“, sagte sie. Licht, Temperaturschwankungen, Luftfeuchtigkeit, Staub und Schädlingsbefall führten über Jahrzehnte zu irreversiblen Schäden. „Mit der Zeit summieren sich diese Einflüsse. Es ist Zeit, ihnen eine Ruhepause zu gönnen.“

Nach Angaben des Museums sollen sämtliche Objekte während der Schließung dreidimensional digitalisiert werden. Zudem sind kleinere Sonderausstellungen vorgesehen, damit zumindest Teile der Sammlung weiterhin öffentlich zugänglich bleiben.

Zweifel an den Beweggründen

Dennoch stößt das Vorhaben auf Widerstand. Der pensionierte Denkmalarchitekt John Greenshields, der selbst elf Jahre in Papua-Neuguinea gearbeitet hat, bezweifelt sowohl die Notwendigkeit als auch die Umsetzung des Projekts.

Besonders kritisch sieht er den geplanten Abbau einer nahezu hundert Jahre alten Hütte von den Trobriand-Inseln. Sie könne nach seiner Einschätzung nicht zerlegt werden, ohne dauerhaft beschädigt zu werden.

Vor allem aber vermutet Greenshields wirtschaftliche Interessen hinter der Entscheidung. „Ich denke, das Museum braucht dringend einen Raum, um große, eintrittspflichtige Blockbuster-Ausstellungen zeigen zu können“, sagte er ABC News.

Hamilton weist diesen Vorwurf entschieden zurück. „Dieser Raum ist nicht der Ort, an dem wir Wanderausstellungen zeigen wollen – ganz und gar nicht“, erklärte sie. Die Galerie solle auch künftig der Präsentation pazifischer Kulturen dienen; parallel suche das Museum nach anderen Lösungen für internationale Sonderausstellungen.

Zwischen Bewahrung und Erinnerung

Für viele Angehörige der pazifischen Diaspora in Australien besitzt die Sammlung eine Bedeutung, die weit über ihren wissenschaftlichen Wert hinausgeht. Fred Ovia besucht die Ausstellung regelmäßig mit seinen Enkeln. Beim Anblick der Objekte frage er sich: „Wer hat das gebaut? Wie war dieser Mensch?“ Gerade diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart löse starke Gefühle aus, sagte er gegenüber ABC News.

Trotz seines Abschieds sieht Ovia die Schließung nicht als endgültigen Verlust. „Das ist nichts Dauerhaftes. Die Sammlung verschwindet nicht einfach“, sagte er. „Uns wurde mündlich zugesichert, dass sie zurückkehren wird.“

Ob dieses Versprechen eingelöst wird, dürfte weit über Adelaide hinaus aufmerksam verfolgt werden. Museen weltweit stehen vor der Aufgabe, historische Sammlungen nicht nur zu bewahren, sondern sie zugleich neu zu interpretieren und stärker mit den Herkunftsgesellschaften zu teilen. Die nun eingelagerten Objekte in Adelaide werden deshalb nicht nur konserviert – sie werden zum Prüfstein dafür, wie moderne Museen den Balanceakt zwischen wissenschaftlicher Verantwortung, kultureller Teilhabe und wirtschaftlichem Druck bewältigen.

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