Studierende berichten, dass ihnen mit Sanktionen gedroht wurde, wenn sie den Begriff „Völkermord“ verwendeten oder Slogans wie „From the river to the sea“ riefen (Bild: pd)
An australischen Universitäten tobt ein erbitterter Kulturkampf um die Grenzen der Meinungsfreiheit im Schatten des Nahostkonflikts. Während eine staatliche Kommission die Rektorate wegen angeblicher Tolerierung von Antisemitismus unter Druck setzt, warnen Akademiker vor einer systematischen Unterdrückung pro-palästinensischer Stimmen.
Von TEAM AUSTRALIEN PAZIFIK REPORTER
Es sind turbulente Tage in der australischen Hauptstadt Canberra. Die Spitzen der renommiertesten Universitäten des Landes – die sogenannten Vice Chancellors – treten derzeit vor eine königliche Untersuchungskommission (Royal Commission), um sich für den Umgang mit Protesten auf ihren jeweiligen Campussen zu rechtfertigen. Die Anhörungen bilden den vorläufigen Höhepunkt einer monatelangen gesellschaftlichen Auseinandersetzung um propalästinensische Zeltlager, den Vorwurf des grassierenden Antisemitismus und die grundsätzliche Frage der akademischen Meinungsfreiheit. Wie Stuart Rees, emeritierter Professor der Universität Sydney, in einem aktuellen Kommentar vom 28. Juli 2026 pointiert darlegt, prallen in dieser Debatte zwei völlig unvereinbare Realitäten aufeinander.
Seit dem von den USA vermittelten Waffenstillstand im Oktober 2025, nach dem laut Rees in Gaza weitere 1.000 Palästinenser getötet wurden, rissen die Proteste an australischen Hochschulen nicht ab. Studierende unterschiedlichster Herkunft, ausdrücklich auch jüdische Studenten, demonstrierten gegen die anhaltende militärische Gewalt. Doch der politische Gegenwind in Australien ist massiv: Bereits ein Jahr zuvor mussten sich die Universitätsleiter in einer von Senatorin Sarah Henderson geleiteten Untersuchung den Vorwurf gefallen lassen, die Hochschulen seien zu einer „Brutstätte des Antisemitismus“ verkommen.
Unter diesem enormen Druck aus Politik, Leitmedien und pro-israelischen Lobbygruppen scheinen die Universitätsleitungen nun einzuknicken. Vor der Royal Commission überboten sich die Führungskräfte förmlich mit Entschuldigungen dafür, nicht rigoroser gegen die Proteste vorgegangen zu sein. Sie räumten ein, dass die propalästinensischen Zeltlager „psychosoziale Risiken“ für jüdische Studierende dargestellt hätten und Sicherheitspersonal härtere Disziplinarmaßnahmen hätte ergreifen müssen.
Diesen Aussagen der Funktionäre steht der Bericht eines „Volkstribunals“ diametral entgegen. Die von den Autoren James McVicar, Gill Boehringer, Linda Briskman und Patricia Fox verfasste Untersuchung mit dem Titel „Erasure in the Academy“ analysiert die Situation an 21 australischen Universitäten. Das Tribunal kommt zu dem Befund, dass die Universitäten die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit massiv eingeschränkt haben, um propalästinensischen Aktivismus im Keim zu ersticken. Zeugenaussagen von Studierenden und Universitätsmitarbeitern dokumentieren demnach ein Klima der Angst sowie latenten anti-arabischen Rassismus und Islamophobie. Zudem kritisiert der Bericht, dass die Universitäten ihre Partnerschaften mit Unternehmen, die Komponenten für Waffen der israelischen Armee liefern, schlichtweg verschweigen. Rees wertet das Verhalten der Universitätsleitungen vor der Kommission folglich entweder als verzerrte Moral oder als „feige Unterwerfung“ unter die Forderungen einer Lobby.
Im Zentrum des Konflikts steht die juristische und moralische Deutungshoheit darüber, was Antisemitismus ausmacht. Die meisten Rektorate haben die umstrittene Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) akzeptiert, die von Kritikern oft als Instrument zur Unterdrückung legitimer Kritik an israelischer Regierungspolitik gesehen wird. So fordert etwa Jeremy Leibler, Präsident der Zionist Federation of Australia, den Rücktritt des Rektors der Universität Sydney, Mark Scott. Die dortigen Vorgänge seien „zutiefst schockierend“. Die Australische Union Jüdischer Studenten behauptete in ihrer Stellungnahme gar, die Universität Sydney sei der „schlimmste Ort im Land, um ein jüdischer Student zu sein“.
Dabei mangelt es keineswegs an prominenten akademischen und juristischen Gegenstimmen, die eine differenziertere Betrachtung anmahnen. Der ehemalige australische Außenminister Gareth Evans verweist auf alternative Definitionen, die jüdische Australier schützen würden, ohne gleichzeitig legitime Israel-Kritik zu unterdrücken. Bereits im Juli 2025 urteilte zudem der Bundesrichter Stewart, dass ein gewöhnlicher, verständiger Zuhörer Kritik an Israel, der israelischen Armee und dem Zionismus nicht als Kritik an jüdischen Menschen im Allgemeinen und somit nicht als antisemitisch auffassen würde.
Dennoch berichten Studierende, dass ihnen mit Sanktionen gedroht wurde, wenn sie den Begriff „Völkermord“ verwendeten oder Slogans wie „From the river to the sea“ riefen. Die international anerkannte Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus aus dem Jahr 2021 hält letzteren Spruch nicht für per se antisemitisch, solange er Vereinbarungen fordert, die allen Bewohnern zwischen dem Fluss und dem Meer volle Gleichberechtigung gewähren. Auch der jüdisch-amerikanische Akademiker Peter Beinart wertet ein Verbot von Begriffen wie der „Intifada“ als schwere Verletzung grundlegender Rechte.
Die Universitäten Australiens befinden sich somit im Auge eines Orkans, in dem globale Geopolitik auf lokale Kulturkämpfe trifft. Während die Rektorate versuchen, zwischen politischem Trommelfeuer, medialer Empörung und juristischen Fallstricken zu lavieren, droht das eigentliche Fundament der Hochschulen nachhaltig beschädigt zu werden. Wenn der notwendige Schutz vor Diskriminierung und das unveräußerliche Recht auf freie Meinungsäußerung als unversöhnliche Gegensätze politisiert werden, verliert am Ende die Institution Universität selbst – jener Ort, der in einer funktionierenden Demokratie den furchtlosen Diskurs aushalten, moderieren und schützen muss.

