Emily Kam Kngwarray (Bild: Unit London)

Fast drei Jahrzehnte nach ihrem Tod kehrt das Werk der Anmatyerr-Künstlerin Emily Kam Kngwarray mit einer großen nationalen Wanderausstellung in die Nähe ihrer Heimat in Australiens Zentralwüste zurück. Die Tour folgt auf den internationalen Erfolg ihrer Retrospektiven in London und der Schweiz und unterstreicht ihren Rang als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

Von TEAM AUSTRALIEN PAZIFIK REPORTER

Als Emily Kam Kngwarray Ende der 1980er Jahre erstmals mit Acrylfarben auf Leinwand arbeitete, war sie bereits weit über siebzig Jahre alt. Was für viele Künstler das Ende einer Laufbahn markiert, wurde für die Anmatyerr-Frau aus der abgelegenen Wüstenregion Utopia im australischen Northern Territory zum Beginn eines außergewöhnlichen Werks. Innerhalb von nur acht Jahren schuf sie mehr als 3000 Gemälde und veränderte den Blick auf die Kunst der australischen Ureinwohner nachhaltig.

Nun bringt die National Gallery of Australia ihre Arbeiten im Rahmen einer großen Wanderausstellung zurück in jene Landschaft, aus der sie hervorgingen. Die Ausstellung eröffnet im April 2027 im Araluen Arts Centre in Alice Springs, das von den Arrernte-Aboriginal als Mparntwe bezeichnet wird. Von dort reist sie weiter nach Cairns, Perth, Newcastle und Burnie in Tasmanien. Für viele Bewohner des zentralaustralischen Outbacks wird es die erste Gelegenheit seit Jahren sein, eine umfassende Auswahl ihrer Werke in relativer Nähe zu ihrem Herkunftsgebiet Urapuntja, auch Utopia genannt, zu sehen.

Die Ausstellung knüpft an eine Phase wachsender internationaler Anerkennung an. Nach der viel beachteten Retrospektive in der Tate Modern und einer parallel entwickelten Ausstellung in der Fondation Opale gilt Kngwarray heute nicht mehr nur als Schlüsselfigur der Kunst der australischen First Nations. Museen und Kunsthistoriker ordnen sie zunehmend unter die prägenden Positionen der internationalen Malerei des 20. Jahrhunderts ein.

Diese Neubewertung ist bemerkenswert, weil Kngwarrays Karriere so ungewöhnlich verlief. Jahrzehntelang war sie Hüterin der Zeremonien und Überlieferungen ihres Anmatyerr-Volkes. Ihre künstlerische Praxis entstand zunächst in rituellen Körperbemalungen, Gesängen und Tänzen. Erst Ende der 1970er Jahre lernte sie im Rahmen eines Gemeindeprojekts die Batiktechnik kennen. 1988 wechselte sie zur Acrylmalerei – ein Medium, das ihrer spontanen und kraftvollen Arbeitsweise weit besser entsprach.

Ihre Bilder wirken für westliche Betrachter häufig abstrakt. Tatsächlich erzählen sie von einem sehr konkreten Ort. Im Mittelpunkt steht stets Alhalker, ihr angestammtes Land. Samen der Wildyam-Pflanze, andere Wüstenpflanzen, Emus, Regenzeiten oder die Spuren zeremonieller Tänze erscheinen in immer neuen Variationen aus Punkten, Linien und Farbfeldern. Die Gemälde bilden keine Landschaften im europäischen Sinn ab; sie verdichten ökologisches Wissen, spirituelle Vorstellungen und familiäre Verantwortung zu einer eigenen Bildsprache.

Gerade diese Eigenständigkeit erklärt, weshalb Kngwarrays Werk heute weit über den Kontext indigener Kunst hinaus diskutiert wird. Kunsthistoriker ziehen Vergleiche mit der abstrakten Malerei der Nachkriegszeit, betonen jedoch zugleich, dass ihre Arbeiten nicht aus den Traditionen westlicher Moderne hervorgingen. Ihre Bildwelt entwickelte sich aus den kulturellen Praktiken der Anmatyerr und folgt einer eigenen Logik, in der Land, Erinnerung und Identität untrennbar miteinander verbunden sind.

Die angekündigte Tournee wird großformatige Leinwände, kleinere Gemälde sowie selten gezeigte Archivfotografien zusammenführen. Damit entsteht erstmals seit den internationalen Retrospektiven wieder eine umfassende Präsentation für ein australisches Publikum. Die Ausstellung führt zugleich den Dialog fort, den die National Gallery of Australia gemeinsam mit der Tate Modern und der Fondation Opale entwickelt hat und der eng mit Angehörigen der Utopia-Gemeinschaft abgestimmt wurde.

Für Australien besitzt diese Rückkehr eine besondere Symbolik. Jahrzehntelang wurden Werke indigener Künstler vor allem ethnografisch gelesen. Emily Kam Kngwarray hat diese Grenzziehung aufgelöst. Dass ihre Bilder nun zunächst in die Nähe jener roten Ebenen zurückkehren, aus denen sie hervorgegangen sind, bevor sie erneut durch das Land reisen, macht deutlich, worin ihre eigentliche Bedeutung liegt: Sie sind längst Teil der internationalen Kunstgeschichte – und bleiben doch untrennbar mit einem kleinen Stück Wüste im Herzen Australiens verbunden.

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