Die pazifischen Inselstaaten (im Bild Palau) wollen nicht zwischen Großmächten wählen. China dagegen versucht, den politischen Spielraum für Taiwan einzuengen. (Bild: Juliana Santos)

In Palau findet derzeit das Pacific Islands Forum statt. Was als Gipfel der pazifischen Inselstaaten geplant war, ist zum Schauplatz eines Machtkampfs geworden. China verlangt, dass Taiwan aus dem regionalen politischen Raum verschwindet. Für Australien steht dabei mehr auf dem Spiel als die Frage diplomatischer Etikette.

Von URS WÄLTERLIN

Der Satz fiel beiläufig, war aber kaum misszuverstehen. Chinas Sondergesandter für den Pazifik, Qian Bo, sagte in Palau, Taiwans Teilnahme am Treffen des Pacific Islands Forum (PIF) werde „Konsequenzen“ haben. Wenige Stunden später begann der Gipfel der pazifischen Inselstaaten. Eigentlich sollte er über Klimawandel, wirtschaftliche Entwicklung und die Sicherheit der Region beraten. Stattdessen wurde Taiwan zum Prüfstein dafür, wer im Pazifik die Regeln setzt.

Für Australien ist das eine strategische Entwicklung. Der Inselstaat liegt zwar Tausende Kilometer von China entfernt, doch seine nördlichen Seewege, die Verbindung nach Papua-Neuguinea und die Inselstaaten Melanesiens und Polynesiens bilden den unmittelbaren sicherheitspolitischen Vorraum des Landes. Jahrzehntelang galt Canberra dort als natürliche Führungsmacht. Diese Gewissheit ist vorbei.

China hat seinen Einfluss in den vergangenen Jahren systematisch erweitert – über Infrastruktur, Entwicklungshilfe, Polizeikooperationen und diplomatische Präsenz. Der Wettbewerb ist nicht nur abstrakt: Vanuatu etwa unterhält seit 2023 Polizeikontakte mit Peking; China hat dort unter anderem Drohnen, Patrouillenboote und Fahrzeuge bereitgestellt. Australien reagiert inzwischen mit eigenen Sicherheitsabkommen. Im Juni vereinbarten Canberra und Vanuatu, ausländische Militärstützpunkte auf der Insel auszuschließen; im Juli folgte mit Fidschi ein Verteidigungsabkommen.

Der eigentliche Wandel zeigt sich jedoch in den politischen Institutionen. Das PIF war lange ein Forum, in dem Australien und Neuseeland erheblichen Einfluss ausübten. Nun wird es selbst zum Austragungsort chinesischer Machtpolitik. Peking hatte bereits im vergangenen Jahr gegen eine Beteiligung Taiwans interveniert. 2026 ist Taiwan wieder bei Veranstaltungen des Gipfels vertreten; sein Außenminister Lin Chia-lung nahm an Terminen in Palau teil. China betrachtet Taiwan dagegen als Teil seines Staatsgebiets und lehnt jede internationale Aufwertung der Insel ab.

Palau steht dabei exemplarisch für das Dilemma der kleinen Staaten. Präsident Surangel Whipps Jr. hält an den diplomatischen Beziehungen zu Taiwan fest. China reagierte mit scharfer Kritik und bezeichnete Palau zuletzt sogar als unsicheres Reiseziel. Gleichzeitig sind die Inselstaaten wirtschaftlich auf ausländische Partner angewiesen und wollen sich nicht zwischen Washington, Canberra, Peking und Taipei entscheiden müssen.

Mehrere Absagen

Die Spaltung ist bereits sichtbar. Die Regierungschefs von Fidschi, Vanuatu, Samoa und Kiribati fehlen in Palau; auch der Ministerpräsident der Salomonen, Matthew Wale, musste wegen einer innenpolitischen Krise absagen. Zugleich war das Forum zuletzt nicht in der Lage, sich geschlossen gegen einen jüngsten chinesischen Raketentest im Pazifik zu positionieren. Nauru und Kiribati blockierten eine entsprechende Erklärung. Neuseelands Außenminister Winston Peters vermutete dahinter chinesischen Einfluss; Australiens Außenministerin Penny Wong forderte die pazifischen Staaten zu gemeinsamer Führung auf.

Für den australischen Premierminister Anthony Albanese ist das eine heikle Balance. Canberra will China nicht unnötig provozieren und zugleich verhindern, dass Peking in Australien unmittelbarer Nachbarschaft sicherheitspolitische Strukturen etabliert. Deshalb setzt Australien weniger auf offene Konfrontation als auf bilaterale Partnerschaften, Infrastruktur, Arbeitsprogramme und Verteidigungsabkommen. Offiziell beschreibt Wong die australische Politik als Unterstützung einer Region, in der die Staaten „ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihre eigene Zukunft gestalten“ können.

Genau darin liegt der Kern des Konflikts. Die pazifischen Inselstaaten wollen nicht zwischen Großmächten wählen. China dagegen versucht, den politischen Spielraum für Taiwan einzuengen. Australien wiederum muss verhindern, dass aus wirtschaftlicher Präsenz strategischer Einfluss und aus strategischem Einfluss militärische Abhängigkeit wird.

Der Streit um einen taiwanischen Außenminister ist deshalb nur die sichtbare Spitze eines grösseren Problems. Im Pazifik entscheidet sich zunehmend, wer Zugang zu Häfen, Sicherheitsstrukturen und politischen Institutionen erhält – und damit auch, wie sicher Australiens eigener strategischer Vorhof künftig sein wird.

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