Die geplante „Digital Duty of Care“ soll nicht nur soziale Netzwerke erfassen, sondern auch Spiele, Apps, Suchmaschinen und KI-Chatbots. (Bild: Markus Spiske)

Was Australier auf Instagram, TikTok oder YouTube zu sehen bekommen, soll nicht länger allein eine Maschine entscheiden. Die Regierung in Canberra will den Nutzern das letzte Wort geben – und zwingt damit die Plattformen, ihren wichtigsten Mechanismus zur Steuerung von Aufmerksamkeit offenzulegen und abschaltbar zu machen.

Von URS WÄLTERLIN Canberra

Wer in Australien künftig soziale Netzwerke öffnet, soll grundsätzlich eine Wahl haben: zwischen algorithmisch zusammengestellte Beiträgen und einem Nachrichtenstrom, der sich auf jene Konten beschränkt, denen der Nutzer selbst folgt. Die australische Regierung hat diese Woche einen entsprechenden Entwurf für eine umfassende „Digital Duty of Care“ vorgestellt. Das Vorhaben trägt den Namen „My Feed, My Way“. Die Plattformen sollen Nutzer aktiv nach ihrer Präferenz fragen und die Entscheidung später erneut ändern lassen.

Damit greift Canberra einen Mechanismus an, der zum Geschäftsmodell der sozialen Netzwerke wie Meta gehört. Empfehlungsalgorithmen sortieren nicht einfach Informationen; sie versuchen vorherzusagen, welche Inhalte Aufmerksamkeit erzeugen. Genau darin liegt das Problem. Australiens eSafety Commissioner schreibt in einer im Mai veröffentlichten Analyse, dass Systeme, die auf möglichst viel Engagement ausgerichtet sind, positive und negative Aufmerksamkeit häufig nicht unterscheiden. Werden schädliche Inhalte in grosser Zahl empfohlen, können daraus kumulative Wirkungen entstehen, die schwerer wiegen als ein einzelner problematischer Beitrag.

Die politische Entwicklung ist bemerkenswert schnell verlaufen. Im Dezember 2025 hatte Australien eine weltweit beachtete Altersgrenze für soziale Netzwerke eingeführt. Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat, X, Reddit und YouTube müssen seitdem verhindern, dass unter 16-Jährige dort eigene Konten unterhalten. Eltern oder Kinder werden nicht bestraft; verantwortlich sind die Plattformen.

Die erste Bilanz fiel allerdings weniger eindeutig aus als die politische Botschaft. Nach Angaben der eSafety-Behörde sank der Anteil der unter 16-Jährigen mit einem Social-Media-Konto in den ersten drei Monaten von 52,4 auf 42,1 Prozent. Die Maßnahme wirkt also, hat das Problem aber keineswegs beseitigt. Eine umfassende zweijährige Untersuchung soll noch bis 2027 fortgesetzt werden.

Nun geht die Regierung einen Schritt weiter. Die geplante „Digital Duty of Care“ soll nicht nur soziale Netzwerke erfassen, sondern auch Spiele, Apps, Suchmaschinen und KI-Chatbots. Anbieter sollen Risiken vorausschauend erkennen und begrenzen. Für Minderjährige nennt der Entwurf unter anderem pornografische Inhalte, die Förderung von Essstörungen, misogynen Inhalt, die Verherrlichung gefährlicher Taten sowie Mobbing und andere Formen schwerer psychischer Belastung.

Premierminister Albanese versucht, den Konflikt auf eine Frage der Macht zu reduzieren. „Hier geht es nicht darum, der Regierung die Kontrolle zu geben, sondern darum, den Menschen die Kontrolle zu übertragen “, sagte er. Kommunikationsministerin Anika Wells spricht von einer „globale Abrechnung“ für die großen Technologiekonzerne. Die Botschaft ist klar: Nicht der Staat soll bestimmen, was Australier sehen – aber auch nicht länger allein die Unternehmen.

Genau hier beginnt der politische Streit. Die Grünen halten ein blosses Opt-out – eine Abmeldung – für unzureichend. Ihre Kommunikationssprecherin Sarah Hanson-Young fordert, Nutzer müssten sich aktiv für algorithmisch gesteuerte Feeds entscheiden. „Opt out ist nicht akzeptabel“, sagte sie. Die konservative Oppositionspartei Liberals wiederum warnt vor Zensur und einem übermächtigen Staat. Die Regierung braucht deshalb für ihr Gesetz die Unterstützung der Grünen und einiger progressiver Unabhänger.

Hinzu kommt ein wirtschaftliches Problem: Die Empfehlungsmaschinen sind kein technisches Detail, sondern ein zentraler Bestandteil der Aufmerksamkeitsökonomie. Je länger Nutzer auf einer Plattform bleiben, desto wertvoller sind sie für das Werbegeschäft. Ein chronologischer Feed mit Beiträgen jener Menschen, denen man tatsächlich folgt, könnte deshalb weniger attraktiv für die Plattformen sein als ein System, das den Nutzer ständig mit neuem, personalisiertem Material versorgt.

Australien betritt damit regulatorisches Neuland. Die Europäische Union verlangt im Rahmen des Digital Services Act bereits mehr Transparenz und Wahlmöglichkeiten bei Empfehlungssystemen. Canberra versucht nun, daraus eine unmittelbar nutzbare Entscheidung des einzelnen Nutzers zu machen.

Der Entwurf soll noch vor Weihnachten ins Parlament kommen. Bis dahin wird um Details gerungen. Bei Verstössen drohen den Plattformen Strafen von mehr als 100 Millionen australischen Dollar.

Der eigentliche Test beginnt allerdings erst danach: Ein Algorithmus lässt sich technisch abschalten. Die entscheidende Frage ist, ob die Nutzer ihn tatsächlich abschalten wollen – und ob ein Gesetz stark genug ist, damit diese Entscheidung nicht irgendwo tief in den Einstellungen verschwindet.

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