Australische Aboriginal: eine Vielzahl eigenständiger Völker mit eigenen Sprachen, Wissenssystemen und kulturellen Praktiken. (Bild: Marie-Claude Vergne)
Die ultra-konservative Politikerin Pauline Hanson stellt die Geschichte der australischen Ureinwohner erneut ins Zentrum eines erbitterten Konflikts. Ihre rassistischen Äußerungen lösten parteiübergreifend Empörung aus – und treffen auf eine Gesellschaft, in der die Frage nach dem Platz der First Nations längst zum politischen Identitätstest geworden ist.
Von URS WÄLTERLIN Uluru
Die rechtspopulistische Senatorin Pauline Hanson hatte in einem Podcast die australischen Ureinwohner als die „primitivste Rasse auf Erden“ bezeichnet und erklärt, sie hätten in rund 60.000 Jahren „nichts erreicht“.
Der Anlass für ihre Attacke war zunächst ein Streit über den Schulunterricht. Hanson beklagte, dass Schulkinder zunehmend mit der Geschichte und den Sprachen der Aboriginal- und Torres-Strait-Island-Völker vertraut gemacht würden. Sie fragte, was die ersten Bewohner des Kontinents erreicht hätten, und verwies darauf, dass sie unter anderem nicht das Rad erfunden hätten.
Die Reaktion fiel ungewöhnlich geschlossen aus. Malarndirri McCarthy, Labor-Senatorin und Ministerin für Indigenous Australians, nannte Hansons Aussagen „völlig empörend“ und forderte sie auf, sich bei den Aboriginal- und Torres-Strait-Island-Wählern zu entschuldigen, die sie als Senatorin für Queensland vertritt. Bemerkenswerter war die Kritik aus den Reihen der konservativen Opposition: Jacinta Nampijinpa Price, selbst konservative indigene Senatorin und prominentes Gesicht der erfolgreichen „No“-Kampagne gegen die Voice to Parliament, sprach von „willful ignorance“, also vorsätzlicher Ignoranz. Hanson habe die Debatte „in ein erschreckendes Terrain“ geführt.
Dass gerade Price so deutlich widerspricht, zeigt die politische Trennlinie. Die australische Auseinandersetzung über die First Nations verläuft längst nicht mehr zwischen links und rechts. Auch konservative Politiker bestreiten nicht die Existenz einer Jahrtausende alten Kultur; gestritten wird vielmehr darüber, welche politischen Konsequenzen sich daraus ergeben. Das zeigte bereits das Referendum von 2023 über eine verfassungsrechtlich verankerte indigene Vertretung im Parlament – die „Voice to Parliament“. Die Initiative der Labor-Regierung scheiterte mit deutlicher Mehrheit, primäre dank der Opposition konservativer Politiker und Medien.
Historisch ist Hansons Darstellung kaum haltbar. Das Australian Museum verweist auf archäologische Funde in Madjedbebe im Northern Territory, die eine Besiedlung Australiens durch die Vorfahren der heutigen First Nations von mindestens 65.000 Jahren belegen. Dort wurden unter anderem Werkzeuge und Pigmente gefunden, die zu den ältesten Nachweisen von Samenverarbeitung und geschliffenen Steinäxten weltweit gehören. Funde aus New South Wales deuten zudem darauf hin, dass Aboriginal Australians bereits vor rund 30.000 Jahren Samen zu Mehl verarbeiteten und Brot herstellten.
Dabei ist „technischer Fortschritt“ nach europäischen Maßstäben ohnehin ein problematischer Maßstab. Die First Nations entwickelten über viele Jahrtausende komplexe Systeme zur Bewirtschaftung von Land und Wasser, zur Nutzung des Feuers, zur Orientierung in einer extrem unterschiedlichen Umwelt und zur Weitergabe von Wissen. Das staatliche Australian Institute of Aboriginal and Torres Strait Islander Studies (AIATSIS) spricht von einer Vielzahl eigenständiger Völker mit eigenen Sprachen, Wissenssystemen und kulturellen Praktiken.
Der politische Kontext macht den Vorgang besonders brisant. One Nation, die Hanson seit den 1990er Jahren prägt, erlebt derzeit einen deutlichen Aufschwung. In einer Roy-Morgan-Erhebung vom 7. bis 13. September lag die Partei bei 25 Prozent, gleich wie Labor und vor der konservativen Koalition mit 21,5 Prozent.
Hanson spricht somit längst nicht mehr nur für eine politische Randgruppe. Gerade deshalb ist der Streit über die Geschichte der First Nations mehr als eine Auseinandersetzung über Worte. Er berührt die Frage, welche Vergangenheit Australien als Teil seiner nationalen Gegenwart anerkennt.

