Rucksackreisende sind nicht nur Touristen, sondern Bestandteil des regionalen Arbeitsmarktes. (Bild: George Pak)
Australien verschärft sein Einwanderungssystem – und trifft damit eine Gruppe, die seit Jahrzehnten zum wirtschaftlichen Alltag des Landes gehört. Wer als Backpacker länger als ein Jahr bleiben will, muss künftig um einen Platz im Losverfahren konkurrieren. Besonders betroffen sind Landwirtschaft, Tourismus und regionale Gemeinden.
Von URS WÄLTERLIN Adelaide
Bislang ist das Prinzip einfach: Junge Ausländer können mit einem Working-Holiday-Visum bis zu zwölf Monate nach Australien kommen, reisen und nebenbei arbeiten. Wer für ein zweites oder drittes Jahr bleiben möchte, muss dafür bestimmte Arbeiten in regionalen Gebieten nachweisen – etwa in der Landwirtschaft. Genau dieses Modell wird nun vom automatischen Anspruch auf eine Chance umgestellt.
Nach von Einwanderungsminister Tony Burke angekündigten Änderungen sollen für das zweite Jahr nur noch 45.000 Plätze, für ein drittes Jahr 5.000 Plätze zur Verfügung stehen. Wer die vorgeschriebene regionale Arbeit geleistet hat, erhält damit künftig nicht mehr automatisch die Möglichkeit zur Verlängerung. Entscheidend wird zusätzlich das Los. Im Juni 2025 hielten sich nach Angaben von „Guardian Australia“ rund 206.000 Working-Holiday-Maker in Australien auf.
Für Backpacker verändert sich damit die Kalkulation einer Australienreise erheblich. Wer auf ein zweites Jahr angewiesen ist, kann nicht mehr sicher planen, nach der ersten Saison weiterzuarbeiten, Geld zu verdienen oder eine längere Reise anzuschließen. Auch die Bearbeitungszeiten sollen stabilisiert werden: Das Innenministerium strebt künftig eine Verarbeitung von Working-Holiday-Anträgen innerhalb von drei Monaten an.
Eine wichtige Ausnahme besteht für Backpacker aus Großbritannien. Aufgrund des Australien-UK-Freihandelsabkommens bleiben sie von den neuen Beschränkungen für das zweite und dritte Jahr ausgenommen. Für sie gelten weder die neuen Kontingente noch die entsprechende regionale Arbeitspflicht. Für andere Nationalitäten wird die Herkunft damit zu einem wesentlich wichtigeren Faktor für die Möglichkeit, länger in Australien zu bleiben.
Politisch begründet die Regierung den Kurs mit einer Neujustierung der Migration. Die Nettozuwanderung soll von den außergewöhnlich hohen Werten nach der Pandemie auf 225.000 Personen im Jahr 2027/28 sinken. Gleichzeitig will Canberra Migration stärker auf Bereiche konzentrieren, in denen Arbeitskräfte gebraucht werden – unter anderem Landwirtschaft, Bau, Gesundheit und Bildung. Wirklicher Auslöser der Reformen dürfte aber sein, dass die regierende Labor Party mit der populistischen, rassistischen Partei One Nation bei den nächsten Wahlen eine ernstzunehmende Konkurrenz haben dürfte.
Gerade bei den Backpackern entsteht dabei ein Zielkonflikt. Sie sind nicht nur Touristen, sondern Bestandteil des regionalen Arbeitsmarktes. Eine Analyse von Jobs and Skills Australia bezeichnet Working-Holiday-Maker ausdrücklich als wichtigen Teil der Arbeitskräfteversorgung der australischen Lebensmittelkette. Änderungen des Systems müssten deshalb berücksichtigen, „welche unterschiedlichen Arbeitskräftebedürfnisse“ derzeit durch diese Gruppe gedeckt würden.
Das Problem liegt vor allem außerhalb der großen Städte. Landwirtschaftliche Betriebe, Obstplantagen, Weingüter und touristische Unternehmen in Regionen, in denen die lokale Arbeitskräftebasis begrenzt ist, greifen seit Jahren auf junge ausländische Arbeitskräfte zurück. Jobs and Skills Australia weist zugleich darauf hin, dass die Arbeitsmarktlage in vielen regionalen Gebieten weiterhin schwieriger ist als in den Metropolen.
Damit verändert sich die Logik des australischen Backpacker-Modells. Was einst als Verbindung von Jugendtourismus und saisonaler Arbeitskraft konzipiert war, wird stärker zu einem Instrument staatlicher Arbeitsmarkt- und Migrationssteuerung. Für den jungen Reisenden, der mit Rucksack und etwas Geld nach Australien kommt, bedeutet das: Das zweite Jahr ist künftig nicht mehr nur eine Frage der geleisteten Arbeit – sondern auch des Glücks.

