In einem Krieg könnten gezielt Stromversorgung oder Telekommunikation gestört werden (Bild: Markus Spiske)

Der gefährlichste Schalter Australiens könnte nicht in einem Kraftwerk stehen, sondern in einem Computer. Der Geheimdienst ASIO warnt, China verschaffe sich Zugang zu kritischer Infrastruktur – für einen Konflikt, der vielleicht nie kommt, aber digital lange vorher beginnen könnte.

Von URS WÄLTERLIN Canberra

Während in Australiens Städten Licht brennt, Züge fahren und Mobilfunknetze funktionieren, arbeiten fremde Hacker daran, genau diese Systeme zu verstehen. Nicht unbedingt, um sie heute lahmzulegen. Sondern um im Ernstfall zu wissen, wo der Schalter sitzt.  Davor hat Mike Burgess gewarnt, Chef des australischen Inlandsgeheimdienstes ASIO.  Das Land stehe vor einer neuen Dimension der Auseinandersetzung mit China: Kritische Infrastruktur könnte im Konfliktfall zum Angriffsziel werden. Es geht nicht um einen Blackout morgen, sondern um Zugänge, die lange vor einem möglichen Krieg geschaffen werden. China, sagte Burgess, sei Australiens „führende Sorge“ bei staatlich unterstützten Cyberangriffen. Chinesische Akteure arbeiteten daran, die Systeme des Landes so genau zu verstehen, dass sie diese im Fall eines Konflikts stören könnten.

Australien müsse nicht damit rechnen, dass Peking plötzlich das gesamte Land vom Netz nehme, so der Spionagechef. In einem Krieg könnten jedoch gezielt Stromversorgung oder Telekommunikation dort gestört werden, wo dies militärische Operationen beeinträchtigen würde. „Man könnte das Land zwar abschotten, aber es ist unwahrscheinlich, dass man das Land einfach so ‚ausschalten‘ kann“, sagte Burgess laut dem Sender ABC. Wahrscheinlicher seien begrenzte Eingriffe, etwa gegen Kommunikationssysteme der australischen Streitkräfte.

Der entscheidende Punkt liegt deshalb nicht in der spektakulären Vorstellung eines landesweiten Blackouts. Moderne Cyberoperationen beginnen lange vorher. Angreifer versuchen, Netzwerke zu kartieren, Schwachstellen zu finden und unbemerkt dauerhaften Zugang zu erlangen. Die amerikanischen Sicherheitsbehörden warnten bereits 2024 gemeinsam mit dem Australian Cyber Security Centre vor der chinesischen Gruppe Volt Typhoon. Sie habe kritische Infrastruktur infiltriert und sich dort teilweise langfristig positioniert, um im Fall einer schweren geopolitischen Krise Störungen verursachen zu können. Betroffen sein könnten unter anderem Energie, Telekommunikation, Verkehr sowie Wasser- und Abwassersysteme.

Für Australien ist das keine rein theoretische Gefahr. Das Australian Cyber Security Centre erklärte schon 2024, die australische kritische Infrastruktur könne ähnlichen Aktivitäten ausgesetzt sein. Ein Jahr später warnten australische und internationale Behörden erneut vor chinesischen Akteuren, die weltweit Router und Telekommunikationsnetze kompromittierten und Zugänge über lange Zeit aufrechterhielten.

Die politische Bedeutung liegt damit auch in der Zeitachse: Cyberkrieg beginnt nicht notwendigerweise, wenn der erste Schuss fällt. Ein Staat kann sich einen möglichen militärischen Vorteil verschaffen, indem er die digitale Infrastruktur eines Gegners bereits in Friedenszeiten auskundschaftet. China bestreitet Vorwürfe staatlich gelenkter Cyberangriffe; australische und verbündete Behörden verweisen dagegen auf technische und nachrichtendienstliche Erkenntnisse.

Australien reagiert inzwischen systematisch. Die 2023 beschlossene Australian Cyber Security Strategy sieht für 2026 bis 2028 eine weitere Stärkung der digitalen Infrastruktur, der Widerstandsfähigkeit kritischer Systeme und der Cyberabwehr vor.

Die eigentliche Warnung Burgess’ lautet daher weniger, dass China Australien morgen „abschalten“ könnte. Sie zeigt, dass die Trennung zwischen Frieden und Konflikt im digitalen Raum zunehmend unscharf wird. Wer im Ernstfall über die Schalter verfügen will, muss sie nicht erst dann suchen.

© Copyright Australien Pazifik Reporter – Alle Rechte vorbehalten

Diesen Beitrag teilen:

Bleiben Sie in Kontakt

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Schreiben Sie Ihre Email-Adresse in den Kasten und drücken Sie «Bestellen»

Discover more from Australien Pazifik Reporter

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading