Der australische Bundesstaat New South Wales genehmigt eine Kohlemine, deren Kohle Emissionen von fast einer Milliarde Tonnen verursachen könnte – größtenteils außerhalb des Kontinents. Einer der Profiteure sitzt in der Schweiz: Glencore. Für Klimaschützer ist die Mine eine „Klimabombe“.
Von URS WÄLTERLIN Sydney
Die Tageszeitung „Guardian“ spricht von einem „neuen Streitpunkt in Australiens Kohlepolitik“, nachdem die unabhängige Planungskommission des Bundesstaates New South Wales die Verlängerung der Hunter Valley Operations (HVO) bei Singleton nördlich von Sydney genehmigt hatte. Die in der Schweiz beheimatete Glencore und der chinesisch-australische Konzern Yancoal besitzen die Mine je zur Hälfte. HVO North darf bis 2045, HVO South bis 2042 weiterarbeiten.
Für Glencore ist das Hunter Valley ein Baustein eines globalen Kohlegeschäfts. Der Konzern hat seinen Hauptsitz in Baar im Kanton Zug. In der Datenbank Carbon Majors, die die historischen Emissionen großer Produzenten fossiler Brennstoffe erfasst, steht Glencore für 1998 bis 2024 mit rund 6,97 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent auf Rang 46 von 178 Unternehmen. Bei der Kohleproduktion liegt der Konzern mit 2,53 Milliarden Tonnen auf Rang 19 von 104 erfassten Produzenten.
Die Dimension des aktuellen Projekts ist beträchtlich. HVO soll nach der Genehmigung weitere rund 429 Millionen Tonnen Kohle fördern. Die Planungskommission rechnet über die gesamte Laufzeit mit rund 809 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen. Rund 794 Millionen Tonnen davon entstehen nach den Berechnungen erst bei der Verbrennung der Kohle im Ausland. Die australische Klimabilanz kann diese Emissionen deshalb leicht ausblenden; das Weltklima allerdings nicht.
Genau hier setzt die Kritik an. Die Nichtregierungsorganisation Climate Council bezeichnete das Projekt als „climate bomb“ – als Klimabombe. Greg Mullins, ehemaliger Feuerwehrchef von New South Wales und heute Climate-Council-Mitglied, formulierte den Zusammenhang so: „Was New South Wales als Kohle exportiert, importieren wir wieder als Buschbrände, Überschwemmungen, Hitzewellen und Dürren.“ Klimaschützer argumentieren, Australien könne sich nicht darauf berufen, dass die entscheidenden Emissionen erst in Kraftwerken in Asien entstehen.
Auch die Wissenschaft beginnt, diese Verantwortung konkreter zu beziffern. Ein von Forschern der Australian National University entwickeltes Instrument, der Carbon Impacts Tracer, übersetzt die erwarteten 809 Millionen Tonnen CO₂ in mögliche konkrete Klimafolgen. Nach den Berechnungen könnten die zusätzlichen Emissionen unter anderem die Zahl der Menschen erhöhen, die extremer Hitze ausgesetzt sind, und die Verluste von Korallen am Great Barrier Reef verstärken.
Politisch steckt Australien damit in einem grundsätzlichen Dilemma. Das Land ist einer der größten Kohleexporteure der Welt, während Canberra und die Bundesstaaten ihre Klimaziele verschärft haben. New South Wales will seine Emissionen bis 2030 um 50 Prozent und bis 2035 um 70 Prozent gegenüber 2005 reduzieren; 2050 soll Netto-Null erreicht sein. Zugleich erlaubt die Landespolitik die Verlängerung bestehender Minen, wenn deren wirtschaftlicher Nutzen als ausreichend hoch bewertet wird. HVO ist der erste große Test dieser Strategie.
Die Planungskommission erkennt den Widerspruch ausdrücklich an: Die Emissionen würden den Klimawandel in der Region, in New South Wales und weltweit verstärken. Dennoch überwogen für sie Beschäftigung, regionale Wirtschaft und Steuereinnahmen. 1500 Arbeitsplätze hängen direkt an HVO, mehr als 800 Zulieferer sind beteiligt.
Noch ist die Sache nicht entschieden. Das Projekt benötigt die Genehmigung der australischen Bundesregierung. Damit liegt der Ball nun bei Premierminister Anthony Albanese. Für seine Regierung geht es damit um mehr als eine einzelne Mine: Muss Australien die Klimafolgen seiner Kohleexporte politisch mitverantworten – auch wenn die Emissionen erst nach dem Verlassen des Landes entstehen? Die Antwort entscheidet mit darüber, ob Australiens Netto-Null-Ziel auch für sein Exportmodell gilt oder nur für das, was innerhalb seiner Grenzen verbrannt wird.

