Die Arbeitslosigkeit in Australien ist auf den auf höchsten Stand seit fünf Jahren gestiegen. Das trifft auch junge Ausländer, die mit einem Working-Holiday-Visum Geld verdienen wollen. Zugleich wächst der Druck auf Australiens Politik, die Einwanderung von Fachkräften am tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft auszurichten.
Von URS WÄLTERLIN Canberra
Die Zahl der Menschen ohne Arbeit in Australien steigt. Die Arbeitslosenquote von 4,7 Prozent ist aber mehr als nur eine statistische Verschlechterung. Sie stellt ein Land vor eine schwierige Frage: Wie viele Arbeitskräfte braucht eine Volkswirtschaft, deren Unternehmen weniger Personal nachfragen, die aber weiterhin auf Zuwanderung angewiesen ist? Der Wirtschaftswissenschaftler Jeff Borland von der University of Melbourne sieht in den neuen Zahlen auch ein Signal für die Geldpolitik, wie er in einer Analyse schreibt. Eine weitere Zinserhöhung durch die australische Zentralbank werde damit weniger wahrscheinlich.
Für ausländische Arbeitskräfte sind die Folgen allerdings unmittelbarer als für die Finanzmärkte. Besonders verletzlich sind junge Menschen, die mit einem Working-Holiday-Visum nach Australien kommen – unter ihnen auch tausende aus Deutschland und der Schweiz. Das Programm erlaubt Reisenden, ihren Aufenthalt durch befristete Beschäftigung zu finanzieren. Viele arbeiten in der Gastronomie, im Tourismus, in der Landwirtschaft oder in abgelegenen Regionen, wo Arbeitgeber oftmals Mühe haben, genügend Personal zu finden.
Steigt allerdings die Arbeitslosigkeit, geraten die jungen Reisenden in Konkurrenz mit Einheimischen und anderen Arbeitssuchenden. Wer keinen Job findet, muss schneller auf seine Ersparnisse zurückgreifen oder den Aufenthalt verkürzen. Besonders problematisch ist das für jene, die auf weitere Beschäftigung angewiesen sind, um die Voraussetzungen für ein zweites oder drittes Visum zu erfüllen, das eine Verlängerung des Aufenthaltes in Australien erlaubt.
Das australische Innenministerium verlangt dafür eine bestimmte Dauer sogenannter «specified work» in anerkannten Branchen und Regionen – etwa in der Landwirtschaft und in entlegeneren Landesgegenden. Je nach Visum sind drei beziehungsweise sechs Monate solcher Arbeit nachzuweisen. Die Regelung soll Arbeitskräfte in ländliche Gebiete lenken. Doch wenn Betriebe weniger Personal einstellen oder Saisonarbeit ausfällt, kann aus dieser Voraussetzung eine Hürde werden, die sich nicht allein durch die Bereitschaft zur Arbeit
Die neusten Zahlen des Statistischen Amtes zeigen, wie deutlich sich die Lage jüngst verschlechtert hat. Im September gingen saisonbereinigt 39.300 Arbeitsplätze verloren, während die Zahl der Arbeitslosen um 8900 auf 732.000 stieg. Besonders stark schrumpfte die Teilzeitbeschäftigung: 73.700 Stellen fielen in diesem Sektor weg. Die Vollzeitbeschäftigung legte dagegen um 34.400 Stellen zu. Die Unterbeschäftigung, also der Anteil jener, die mehr arbeiten möchten, als sie tatsächlich können, stieg auf 6,3 Prozent.
Herausforderung für Einwanderungspolitik
Für die Einwanderungspolitik entsteht damit ein Zielkonflikt. Die Regierung von Anthony Albanese hält an einem umfangreichen Programm für qualifizierte Zuwanderer fest. Für das Finanzjahr 2026/27 sind 185.000 Plätze in der dauerhaften Einwanderung vorgesehen, davon 132.240 im Bereich der Fachkräftemigration. Das Innenministerium begründet diese Auswahl mit dem Ziel, die Produktivität zu steigern und Engpässe auf dem Arbeitsmarkt zu beheben.
Eine steigende Arbeitslosigkeit bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Australien weniger ausländische Fachkräfte benötigt. Entscheidend ist, in welchen Branchen Stellen fehlen und wo sich die Nachfrage abschwächt. Das befristete «Skills-in-Demand»-Visum erlaubt Unternehmen, qualifizierte Beschäftigte aus dem Ausland anzuwerben, wenn sie keine geeigneten Arbeitskräfte in Australien finden. In Bereichen wie Gesundheit, Bau und Bildung werden entsprechende Anträge weiterhin bevorzugt bearbeitet. Für Interessenten im Ausland ist es allerdings oft schwierig, einen Betrieb zu finden, der sie sponsert.
Politisch wird es auf jeden Fall schwieriger werden, zusätzliche Zuwanderung zu rechtfertigen, wenn mehr Australier um weniger Stellen konkurrieren. Nicht zuletzt auch, weil sich die konservative Opposition für eine drastische Reduktion der Einwanderzahlen ausgesprochen hat. Die nationalistische Partei One Nation will gar einen kompletten Stopp der Zahl der Zuwanderer – zumindest temporär. Die Beliebtheit der offen rassistischen Partei unter der Führung von Pauline Hanson hat in Umfragen in den letzten Monaten drastisch zugenommen und könnte – wenn jetzt Wahlen wären – die Dominanz der regierenden Laborpartei von Premierminister Anthony Albanese gefährden.
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