Der Anschlag auf eine Parlamentsabgeordnete in Australien hat die politische Kultur des Landes erschüttert. Helen Haines war am Montag vor ihrem Büro von einem Geländewagen erfasst und schwer verletzt worden. Der mutmaßliche Täter sitzt in Haft, das Motiv ist noch ungeklärt. Der Angriff zeigt, wie aus einer zunehmend aggressiven politischen Atmosphäre konkrete Gewalt werden kann.
Von URS WÄLTERLIN Canberra
Am Montag stand Haines, 65, vor ihrem Wahlkreisbüro in Wangaratta, einer Kleinstadt im Bundesstaat Victoria, als ein Geländewagen sie erfasste. Nach Zeugenaussagen fuhr der Lenker zunächst vorbei, wendete und raste auf sie zu. Anschließend soll er zurückgesetzt und die am Boden liegende Politikerin ein zweites Mal angefahren haben. Passanten überwältigten den Mann und hielten ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest.
Haines wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen nach Melbourne geflogen. Am Mittwoch befand sie sich weiterhin in kritischem, aber stabilem Zustand. Das Krankenhaus bestätigte, dass ihre beiden Beine amputiert werden mussten.
Der mutmaßliche Täter, der 43-jährige Brendan Nugent, wurde wegen schwerer Körperverletzung mit einem Fahrzeug und des Angriffs auf eine Bundesbeamtin angeklagt. Die Polizei stuft die Tat als gezielten Angriff ein. Das Motiv ist jedoch weiterhin unklar. Nugent war den Behörden nach Angaben des Polizeichefs von Victoria, Mike Bush, zuvor nicht als unmittelbare Gefahr bekannt gewesen, wie er am Mittwoch erklärte. Die nationale Anti-Terror-Einheit ist an den Ermittlungen beteiligt; weitere schwere Anklagen sind möglich.
Haines vertritt seit 2019 den Wahlkreis Indi im Bundesparlament in Canberra. Die frühere Krankenschwester und Hebamme gehört keiner der großen Parteien an. Sie setzt sich vor allem für die medizinische Versorgung im ländlichen Raum ein. Dass gerade eine weithin respektierte, nicht für polarisierende Positionen bekannte Politikerin zum Opfer wurde, verstärkt die Erschütterung.
19 Todesdrohungen
Die Zahlen, die die australische Bundespolizei vorgelegt hat, zeigen, dass der Angriff nicht in einem Vakuum stattfand. Im Finanzjahr 2025/26 registrierte sie 1067 Fälle von Drohungen und Belästigungen gegen Bundespolitiker und ihre Büros. Fünf Jahre zuvor waren es etwa viermal weniger. Im vergangenen Jahr wurden 41 Personen wegen einschlägiger Delikte angeklagt. Polizeichefin Krissy Barrett sagte der Fernsehanstalt ABC, die Behörden nähmen inzwischen «fast jede Woche» jemanden wegen Angriffen auf Parlamentarier oder andere hohe Amtsträger fest.
Die Entwicklung verändert die Arbeit von Abgeordneten. Manche schränken öffentliche Auftritte ein, andere meiden bestimmte Veranstaltungen oder müssen ihre Familien stärker schützen. Besonders Frauen berichten von sexualisierten Beschimpfungen und Drohungen. Wenige Tage vor dem Angriff auf Haines hatte die muslimische Labor-Abgeordnete und Junior-Ministerin Anne Aly nach eigenen Angaben 19 Todesdrohungen über soziale Medien erhalten.
Lydia Khalil, eine Forscherin der Denkfabrik Lowy Institute, sieht darin eine gefährliche Verschiebung im Verhältnis zwischen Bürgern und Politik. Verschwörungserzählungen und Desinformation förderten die Vorstellung, Politiker seien keine legitimen Vertreter der Bevölkerung mehr, sondern Feinde. Diese Entmenschlichung senke die Hemmschwelle zur Gewalt, sagte sie der ABC.
Eine Umfrage des McKinnon Institute aus dem Jahr 2025 deutet darauf hin, dass solche Einstellungen nicht auf eine kleine Randgruppe beschränkt sind: Knapp neun Prozent der Befragten hielten extreme Mittel einschließlich Gewalt unter bestimmten Umständen für gerechtfertigt. Unter 35-Jährige äußerten diese Ansicht mehr als doppelt so häufig wie Menschen über 50. Australien gilt im internationalen Vergleich weiterhin als relativ stabiles Land. Politische Gewalt gegen gewählte Vertreter ist selten; die meisten Abgeordneten begegnen ihren Wählern ohne Personenschutz.
Premierminister Anthony Albanese hatte noch am Montag zur Mäßigung in der politischen Auseinandersetzung aufgerufen. Die Herausforderung für Canberra bestehe darin, die Sicherheit der Abgeordneten zu verbessern, ohne die offene politische Kultur aufzugeben, die den direkten Kontakt zwischen Bürgern und ihren Vertretern ermöglicht.
Der Angriff auf Haines stellt diese Kultur auf die Probe. Ob er eine isolierte Tat bleibt, ist vorerst noch offen. Dass die Bedrohung politischer Repräsentanten längst zum Alltag gehört, lässt sich dagegen nicht mehr übersehen.
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